Wenn das Haus mitdenkt

11. November 2015, 09:18
klein Bildnachweis LebensPhasenHaus  Maier (2)

LebensPhasenHaus Maier

Tübingen, 10. November 2015. Die Menschen werden immer älter. Und sie wollen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen. In Tübingen arbeiten Wissenschaftler, Firmen und Handwerksbetriebe aus der Region Neckar-Alb daran, dies möglich zu machen. Ihr LebensPhasenHaus ist das erste seiner Art in Deutschland.

„Der demographische Wandel stellt uns vor eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, ist der Tübinger Sozialwissenschaftler Professor Daniel Buhr überzeugt. Unter anderem gehe es darum, ein qualitativ besseres Leben, auch im Alter, zu ermöglichen, „und das zu vernünftigen wirtschaftlichen Bedingungen.“

In Skandinavien und den Niederlanden hat man mit der Erforschung und Entwicklung von Lösungen für die alternde Gesellschaft schon vor vielen Jahren begonnen. Professor Udo Weimar, federführender Wissenschaftler im LebensPhasenHaus: „Zu diesen Ländern wollen wir möglichst schnell aufschließen und praktikable Lösungen finden, die bezahlbar sind und den Menschen wirklich helfen.“

Ein wesentlicher Punkt dabei sei die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und Handwerksbetrieben, erklärt Friederike Munzinger von der Standortagentur Reutlingen – Tübingen – Zollernalb: „Je enger der Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Praxis, desto schneller kommt man zu Ergebnissen, die sich im Alltag bewähren und marktfähig sind. Deshalb sind wir sehr froh darüber, dass uns viele leistungsfähige Handwerks- und Industriebetriebe aus der Region Neckar-Alb bei diesem Projekt mit großem Engagement unterstützen.“

Zusätzlich sei die Einbindung potenzieller Nutzer wichtig, wie Udo Weimar betont: „Wir sammeln Felderfahrung und lernen mit den Menschen. Es nützt nichts, wenn etwas technisch funktioniert, aber nicht angenommen wird. Vielmehr gilt es den konkreten Bedürfnissen gerecht zu werden.“

Das beginnt bei breiten Türen im ganzen Gebäude und konsequent barrierefreien Zugängen zum Haus und in den Außenbereich. Selbst das Hochbeet im Garten ist so angelegt, dass Rollstuhlfahrer es problemlos bepflanzen und pflegen können. Udo Weimar: „Arbeit bei frischer Luft und Tageslicht regt an und wirkt dem körperlichen und geistigen Abbau entgegen. Deshalb fördern wir diese Möglichkeit ganz bewusst.“

Öffnen mit der Fingerspitze

Statt eines Schlüssels kommt ein Sensor zum Einsatz. Die Haustüre öffnet sich wie von Zauberhand, sobald eine befugte Person diesen Sensor mit der Fingerspitze berührt.

Besonders pfiffig gelöst ist die Bedienung der elektrisch betriebenen Einrichtungen wie Rollläden, Beleuchtung oder Fernsehgerät. Sie alle können von überall im Haus per Funk angesteuert werden. Vor allem aber: Jedes Bedienelement lässt sich in jeder beliebigen Position und Höhe platzieren – ganz so, wie es für den Benutzer am bequemsten ist.

Ähnlich individuell und komfortabel geht es in der Küche zu. Die dortigen Arbeitsflächen zum Beispiel sind mit einem einfachen Tastendruck auf die gewünschte Höhe einstellbar.

Damit auch Menschen mit Einschränkungen problemlos mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen können, ist das LebensPhasenHaus mit modernsten, einfach bedienbaren Kommunikationsmitteln ausgestattet. Das gesamte Kommunikationssystem kann per Glasfaserleitung an eine Dienstleistungszentrale angebunden werden. Natürlich sind auch Kommunikationsverbindungen mit medizinischen Ansprechpartnern möglich. Udo Weimar: „Möglicherweise können sich die Bewohner eines solchen Hauses künftig manchen Arztbesuch sparen, weil bei weniger ernsten Erkrankungen eventuell eine Videoverbindung zum Hausarzt genügt.“

Bedürfnis nach Sicherheit

Auch an das wachsende Sicherheitsbedürfnis, durchaus nicht nur ein Thema für ältere Menschen, haben die Tübinger Forscher und ihre Unternehmenspartner gedacht. So gibt es eine Gegensprechanlage und eine Außenkamera, die zeigt, wer an der Tür steht. Die Funk-Gefahrenwarnanlage bietet Schutz vor Einbruch, Rauch oder Wasserschäden. Meldet die Anlage zum Beispiel Rauch, fahren die Rollläden automatisch hoch, zugleich schaltet sich die Beleuchtung ein, um eine eventuelle Evakuierung zu erleichtern. Und die „intelligente Anwesenheitssimulation“ öffnet und schließt die Rollläden und ändert die Beleuchtung zu unterschiedlichen Zeiten.

Selbstverständlich ist das Badezimmer so eingerichtet, dass Menschen gut darin zurechtkommen, deren Beweglichkeit eingeschränkt ist. Dies gilt für die große, ebenerdige Duschkabine mit klappbarem Sitz ebenso wie für die rollstuhlgerechte Toilette. Letztere ist mit Haltegriffen und einer WC-Dusche mit Föhn für die Intimreinigung ausgestattet.

Ausgesprochen praktisch ist das Pflegebett mit Aufstehhilfe. Es dreht sich auf Tastendruck zur Seite, geht sanft in Sitzposition und stellt den Menschen dann ebenso sanft auf die Beine. Und wer nachts raus muss, findet sich dank eines ausgeklügelten Lichtleitsystems gut zurecht: Zum einen sind LED-Lichtschienen im Boden eingelassen, die den Weg zum Bad zeigen. Zum anderen sind die Türen mit einer Umrandung aus Licht versehen. Beides erleichtert die Orientierung und soll die Sturzgefahr verringern.

Licht für mehr Lebensqualität

Doch das Lichtdesign kann noch deutlich mehr, wie Professor Gerhard Eschweiler, Leiter des Geriatrischen Zentrums am Universitätsklinikum Tübingen, erklärt: „Das Lichtspektrum wirkt sich auf die Stimmung der Bewohner aus, auf ihre Konzentrationsfähigkeit, die Gedächtnisleistung und den Tag-Nacht-Rhythmus. Blaues Licht beispielsweise wirkt anregend und erleichtert das morgendliche Wachwerden. Abends hingegen sollte man Blau reduzieren und mehr Rotanteile im Licht haben.“ Es sei durchaus denkbar, dass man mit der richtigen Beleuchtung den Bedarf an Schlafmitteln reduzieren könne. „Solche Dinge erforschen wir unter anderem im LebensPhasenHaus.“

Für optimale Raumtemperatur und gute Lichtverhältnisse sorgt das Haus selbsttätig. Ein System aus Sensoren überprüft die Luftqualität in den Räumlichkeiten ständig und richtet die automatische, CO2 gesteuerte Lüftung daran aus. Und auch Heizung und Beschattung sind miteinander verknüpft. So wird in der warmen Jahreszeit das gesundheitsbelastende Aufheizen der Räume reduziert, und im Winter lässt sich die Sonneneinstrahlung gegebenenfalls als natürliche Energiequelle nutzen. Das verbessert die Wohnqualität und senkt zugleich die Energiekosten um bis zu 30 Prozent.

Wer nun denkt, er werde von der Technik im LebensPhasenHaus „erschlagen“, der irrt. Das gesamte Haus ist so gestaltet, dass die technischen Einrichtungen im Hintergrund bleiben, es herrscht vielmehr eine angenehme Atmosphäre, in der sich´s gut leben lässt. „Es war uns ein Anliegen, das Haus rundum wohnlich zu machen“, meint Udo Weimar. „Die Technik soll schließlich dem Menschen dienen, sie darf ihn weder stören, noch irritieren oder gar bevormunden.“

Mit den Menschen lernen

Dazu will auch der Kreisseniorenrat Tübingen aktiv beitragen, wie dessen Vorsitzender Hansjürgen Stiller anmerkt. „Gemeinsam mit unseren Senioren-Technikbotschaftern wollen wir gerade bei älteren Menschen Verständnis dafür wecken, dass Technik ihnen helfen kann. Und natürlich geht es uns bei diesem Forschungsprojekt auch darum, unsere Sichtweise einzubringen. Schließlich sollte das Ganze nicht zu viel technisches Verständnis voraussetzen, und es muss alltagstauglich sein. Das LebensPhasenHaus bietet dafür aus unserer Sicht eine gute Basis und die erforderliche Infrastruktur. Deshalb arbeiten wir hier gerne mit.“

Konkret: Seit Anfang November ist das LebensPhasenHaus jeden Freitagnachmittag von 13 bis 17 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Zu diesen Zeiten stehen Technikbotschafter des Kreisseniorenrats als Ansprechpartner vor Ort zur Verfügung.

Hinweis für die Redaktion:

Mehr Informationen und druckfähiges Bildmaterial erhalten Sie gerne auf Anfrage an Herbert Grab, Tel.: +49 (0)7127-5707-10 / Mail: herbert.grab@digitmedia-online.de.

Die Partner

Das Projekt LebenPhasenHaus wird gefördert vom Sozialministerium des Landes Baden-Württemberg. Kernpartner sind die Universität und das Universitätsklinikum Tübingen, die IHK Reutlingen, SchwörerHaus, die Stadtwerke Tübingen, Ridi Leuchten, Somfy und der Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg. Unterstützer sind Geberit, Gretsch-Unitas, Herrmann + Co., Interstuhl, Kemmlit Bauelemente, Leoba und Tielsa.

Öffentlich zugänglich

Das LebenPhasenHaus in Tübingen ist jeden Freitag von 13 bis 17 Uhr für Interessierte geöffnet.

Adresse: Rosenau 9, 72076 Tübingen
Internet: www.lebensphasenhaus.de

Anmeldung für Besuchergruppen:
Team LebensPhasenHaus der Universität Tübingen
Tel.: 07071 – 29-72058 oder 07071 – 29-77636
Mail: info@lebensphasenhaus.de

Die Ausstattung

Unzählige technische Helfer verrichten im LebensPhasenHaus ihren Dienst. Hier einige davon.

  • Mobilität: Lift-Transportsystem im Bad, rollstuhlgerechte Ausstattung im ganzen Haus, Pflegebett mit Aufstehhilfe, Treppenlift.
  • Komfort: Funksteuerung für elektrisch betriebene Geräte und Einrichtungen, Arbeitsflächen in der Küche höhenverstellbar, WC-Dusche mit Föhn für die Körperreinigung, automatische Lüftung, Heizung und Beschattung.
  • Kommunikation: Glasfaserleitung für schnelle Verbindung zur Außenwelt.
  • Sicherheit: Außenkamera, Gefahrenwarnsystem, Anwesenheitssimulation, Lichtleitsystem, rutschhemmende Fließen im Bad, Herd mit Abschaltautomatik.

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